Sonntag, 22. Oktober 2017

Verlagsinterview ....heute mainbook Verlag

... mit Gerd Fischer



Der mainbook Verlag ist vielleicht nicht jedem geläufig, aber ein waschechter Frankfurter. Aber er bietet interessante Literatur. Ich möchte Euch den kleinen unabhängigen Verlag mal näher vorstellen und habe mit Gerd Fischer ein Interview geführt. in Frankfurt auf der Buchmesse habe ich ihn persönlich getroffen und wir zwei verstanden uns auf Anhieb super. Und dort Gerd verriet mir, das er den Frankfurter Äppelwoi sehr gerne mag :-).
 




Bild von mainbook Verlag


Magst Du Deinen Verlag einmal vorstellen? Wie ist seine Entstehungsgeschichte? Seit wann gibt es ihn? Wie kommt man zu seinem eigenen Verlag? Was ist das Besondere an diesem Verlag?
o   Es begab sich zu Beginn des Jahres 2010 in Frankfurt ... ich war Krimi-Autor, hatte bereits einen Krimi veröffentlicht und stand kurz vor dem zweiten. Doch die Zusammenarbeit mit dem Verlag war schwierig, tendenziell zermürbend, bis ich so frustriert war, dass ich kurzerhand meinen eigenen Verlag gründete. Richtig gehört! Einen Eigenverlag, in dem ich meine Krimis veröffentlichen wollte. Und vor allem wollte ich es besser machen als mein alter Verlag. Zum Beispiel im Umgang mit Autoren. Natürlich brauchte ich sofort einen Verlagsnamen. Nach zwei Flaschen Rotwein mit meiner Nachbarin machte es Klick und er war da: mainbook. Cool! Eine Kurzumfrage im Freundeskreis brachte nur Lob. Also gut. Los geht’s! Blieb nur die Frage: Wie geht eigentlich Verlag? Wie funktioniert so ein Ding eigentlich? Was muss man tun, um Bücher herauszubringen? Okay, Gewerbe angemeldet und einfach mal gemacht. Die Anfangszeit war geprägt durch learning by doing und Tipps von Freunden. Zum Glück hatte ich 12 Jahre für Werbeagenturen als Texter gearbeitet, sodass ich die Zusammenarbeit mit Druckereien kannte, und auch im Marketing/PR nicht ganz unbewandert war.
Als ich dann im Juni 2010 tatsächlich das erste mainbook-Buch in den Händen hielt (den Krimi „Lauf in den Tod“), konnte ich es kaum fassen. Ein Buch war erschienen in meinem eigenen Verlag. WOW! Welch ein Gefühl. Doch dabei blieb es nicht. Ich hatte durch die Frustphase mit dem Verlag mehrere Manuskripte in der Schublade, die ich nach und nach veröffentlichte. So entstand meine Krimi-Reihe mit dem Frankfurter Kommissar Rauscher, der gerne mal einen Apfelwein zu viel trinkt, und inzwischen eine Art Kultstatus erreicht hat – zumindest bei einer eingeschworenen Leserschaft. Inzwischen sind 8 Bände erschienen.
Womit ich anfangs überhaupt nicht gerechnet hatte, war, dass ich aufgrund meiner Verlags-Homepage Leseproben und Exposées von anderen Autorinnen und Autoren zugesandt bekam. Dummerweise fanden sich darunter so gute Texte, die ich unmöglich ablehnen konnte. Ich musste mir etwas überlegen und so nahm ich meine erste Autorin unter Vertrag. So wurde also aus dem Eigenverlag im Laufe der Jahre 2011/2012 ein normaler kleiner, junger unabhängiger Verlag, der sich auf eine spannende Literaturreise begab – mit ungewissem Ausgang, denn noch wusste ich nicht, ob so ein Verlag überhaupt überlebensfähig war. Bei der einen Autorin blieb es nicht lange, es folgten weitere, heute sind wir knapp 40 – für mich wie eine kleine Familie. Zudem haben sich die Themen, Genres und Segmente erweitert. Ende 2012 bin ich zum Glück auf den fahrenden E-Book-Zug aufgesprungen, ohne den der Verlag heute nur sehr, sehr schwer zu führen wäre.
Das ist also das Besondere an mainbook: Der Verleger ist gleichzeitig auch Autor, nimmt immer beide Perspektiven ein. Das ist wichtig, denn ich beziehe meine Autorinnen und Autoren in alle Entscheidungen rund um die Bücher mit ein. Da ich auch als Lektor arbeite, gibt es sogar noch eine dritte Perspektive, die sich speziell der Texte annimmt und die sich immer wieder freut, wenn aus einem guten Manuskript ein tolles Buch wird ...

·       Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Deinem Verlag aus?
o   Vielleicht denken einige, dass Bücher verlegen immer das Gleiche und unspannend ist. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist jeden Tag neu, überraschend und lehrreich, Verleger zu sein. Warum? Die Verlagsbranche und der Buchmarkt wandeln sich permanent – insbesondere durch den digitalen Wandel – und sind sogar durch das Aufkommen der E-Books auf den Kopf gestellt worden. Zugegeben: Der Markt für gedruckte Bücher und deren Vertrieb läuft in eingefahrenen Bahnen, aber durch die folgenden Fragen ist schon klar erkennbar, was den E-Book-Markt so neu macht: Verändert sich durch die E-Books das Leseverhalten der Leser? Kann man E-Books streamen? Was ist ein epub und worin liegt der Unterschied zu epub3? Worin unterscheiden sich Offset- und Digitaldruck? Wie funktioniert Marketing bei E-Books? Wie stelle ich den Vertreib von E-Books auf die Beine? Was ist ein Erlös-Modell und worin lieg der Unterschied zum Abo- oder Flatrate-Modell? Wie bringe ich die Backlist-Titel bei den E-Book-Shops ins Gespräch? Warum sind Metadaten bei den E-Books so wichtig?
Ich bin Autodidakt und muss es sein, sonst käme ich längst nicht mehr hinterher. Ich muss mich auf alles einstellen, neu einstellen, den E-Book-Vertrieb organisieren, dabei hilft mir seit drei Jahren mein externer E-Book-Dienstleister, ohne den ich verloren wäre. Denn 32 deutschsprachige und ca. 150 internationale Online-Shops kann ich unmöglich allein beliefern. Und erst die Abrechnungen ... No way!
Der E-Book-Markt ist inzwischen ein sehr wichtiges Segment geworden, insbesondere für die Genreliteratur, und daher baue ich bei mainbook diesen Bereich unter dem Label ‚mainebook‘ sukzessive aus. Ohne E-Books wäre mainbook (und wohl viele andere kleine Verlage) kaum überlebensfähig. Heutzutage ist es aufgrund der Flut an Neuerscheinungen nicht mehr normal, mit jedem Buch auch in die Buchhandlungen zu kommen. Dafür gibt es insgesamt zu viele Bücher. Deshalb ist der Kontakt und die Zusammenarbeit mit den Buchhandlungen enorm wichtig. Die großen Verlage sind dort die Platzhirsche, die den kleinen manchmal die Luft zum Atmen nehmen (stimmt, hab ich auf der Buchmesse selber erlebt sogar als Blogger)
Ich hoffe sehr, dass nicht auch noch die Buchpreisbindung in Deutschland fallen wird (böse Zungen behaupten, es könnte im Zuge des Freihandelsabkommens TTIP geschehen), denn ohne Buchpreisbindung stünden meiner Ansicht nach sofort die Hälfte der (kleineren) Verlage und auch der Buchhandlungen auf der Kippe.
Neben den Neuerungen und innovativen Entwicklungen der Buchbranche, die mir tagtäglich begegnen, gibt es sehr wohl auch Abläufe und Jobs, die sich nie ändern werden. Das Lesen und Sichten neuer Manuskripte und Exposés zum Beispiel nimmt viel Zeit in Anspruch, aber es ist auch unglaublich spannend. Was ich schon alles auf dem Schreibtisch hatte! Von einem Reiseführer auf den Mars über „Das Leben meines Wauzis“ bis zu einem Ratgeber zur Züchtung von Keimlingen war alles dabei: vor allem Krimis, Thriller, Fantasy, ambitionierte Romanprojekte, Lyrikbände, Ratgeber. Am häufigsten bekomme ich Genreliteratur zugesandt. Leseproben, die keine Fehler enthalten, sind sehr, sehr selten. Leseproben, die mehr falsche als richtige Sätze enthalten, hingegen nicht. Manchmal vermisse ich die Sorgfalt im Umgang mit der Sprache, dem Text, dazu gehört nun einmal auch die Rechtschreibung und Zeichensetzung.
Wenn mich eine Leseprobe überzeugt und ich mit der Autorin/ dem Autor einen Autorenvertrag geschlossen habe, geht es an die Umsetzung. Ich habe ein Portfolio an freien Mitarbeitern und mein Job ist es, den Richtigen für ein bestimmtes Buchprojekt auszuwählen, wenn es um ein Lektorat oder Korrektorat geht, wenn es um die Gestaltung eines Covers, eines Buchlayouts, eines Plakates oder um eine Photoshop-Retusche geht.
Parallel dazu werden Klappentexte, Inhaltstexte und Autorenvita entwickelt, wobei ich die Autoren stets einbeziehe und Vorschläge erarbeiten lasse (Sie kennen ja in der Regel ihre Bücher und sich am besten). Im Zuge dessen entstehen auch Ideen zum Marketing und zum Vertrieb. PR-Texte werden geschrieben, Möglichkeiten der Vermarktung ausgelotet, Zielgruppen definiert, damit das Buch auch die richtigen Leser findet oder umgekehrt, und Lesungen werden organisiert. Das alles sollte im Vorfeld stattfinden, bis das gedruckte Buch oder das konvertierte E-Book vorliegt. Aber das wäre der Idealfall. In der Realität kommt manchmal was dazwischen. Timelines müssen verschoben, der Großhandel informiert werden.
Irgendwann ist er dann aber da, der große Moment: Die Autoren halten ihr Buch in der Hand (ich natürlich auch). So viel Arbeit steckt da schon drin, aber jetzt geht es eigentlich erst richtig los mit dem Buchleben. Ein seriöser Verlag lebt nun mal vom Bücher verkaufen (Die Druckkostenzuschussverlage haben andere Einnahmemodelle).
Darüber hinaus versuche ich, die Zusammenarbeit mit Bloggern zu intensivieren, weil die klassischen Medien und Zeitungen nicht mehr die Ansprechpartner früherer Jahre sind (Personalabbau in den Redaktionen) und weil ich bei den Buch- und Literaturbloggern und deren Followern die Leidenschaft fürs Lesen und für Bücher spüre. Sie sind mit Liebe und Engagement bei der Sache, was sehr schön zu beobachten und enorm hilfreich ist.
Zudem präsentiere ich den Verlag auch auf (kleineren) Buchmessen. Auf der wichtigsten Buchmesse in Frankfurt wird mainbook 2015 erstmals vertreten sein. Ein Abenteuer der besonderen Art! Ich hoffe, möglichst viele Bloggerinnen und Blogger an unserem Stand begrüßen zu dürfen.
Ich könnte jetzt noch vieles schreiben, aber ich denke, eines ist sehr deutlich geworden: So ein Verlag ist kein normaler Job, sondern eine Lebensaufgabe. Meine Lebensaufgabe.

·       Thema Buchmessen? Wie steht der Verlag zu Buchmessen?
o   Wir sind seit 3 Jahren auf der Frankfurter Buchmesse vertreten, was für einen kleinen Verlag alles andere als selbstverständlich ist. Zudem sind wir seit 6 Jahren auf der kleinen Buchmesse Main-Kinzig in Nidderau (vor den Toren Frankfurts, immer im April). Aufgrund der Ausrichtung des Verlages gehen wir nicht auf die Leipziger Buchmesse.

·       Durch wie viele Hände geht ein Buch auf seinem Weg vom Schriftsteller bis hin zur Veröffentlichung?
o   Durch meine, weil ich es lektoriere, und die des Grafikers. Also außer dem Autor mindestens 2. Manchmal auch mehr.

·       Wie kommt der Preis von einen Buch zustande?
o   Ich schätze die Absatzchancen ein, dadurch kann ich die Auflagenhöhe bestimmen und so den ungefähren Druckpreis errechnen. Danach richtet sich der Verkaufspreis. (die Druckkosten sind mit Abstand der höchste Kostenfaktor in der Herstellung eines Buches)

·       Wie siehst Du das Verhältnis von, E-Books und gebundenen Büchern?  Gibt es vielleicht bald keine gedruckte Bücher mehr? Oder ist so ein Ebook eine gute Ergänzung?
o   Beides wird parallel existieren. E-Books werden hauptsächlich in den Genres Krimi/Thriller, Fantasy und Sex/Erotik/Liebesromane gelesen. In anderen Segmenten kaum. das wird sich fortsetzen. In Deutschland wird es aber immer gedruckte Bücher geben.

·       Gibt es Autoren, von denen Du unbedingt mal gerne was verlegen würdest?
o   Klar, aber an die komme ich nie und nimmer ran, Jo Nesbö zum Beispiel

·       Welche Voraussetzungen muss für Dich ein Manuskript erfüllen, damit es in die engere Auswahl für eine Veröffentlichung gelangt?
o   Es muss mich auf den ersten drei Seiten in die Geschichte reinziehen, sodass ich es unbedingt zu Ende lesen möchte. Wenn mir ein Autor sagt: Aber mein Buch wird erst ab Seite 30 richtig spannend, sage ich: Schreib es um!

·       Wie kommen die Autoren auf den Verlag / bzw. zu diesem Verlag? Welche Kriterien sind da auschlaggebend?
o   Ich bekomme Zuschriften von Autoren (Leseproben, Exposees, Manuskripte). Ich prüfe, ob diese ins Verlagsprogramm passen und ob sie gut geschrieben sind. Manchmal wenden sich Autoren an mich auf Empfehlung eines anderen, dann kann es auch anders laufen. Mit Literaturagenten arbeite ich (noch) nicht zusammen

·       Deine Buchempfehlung für die Leser?
o   Schwarzes Echo“ von Michael Connelly. Sein erster Krimi von 1992 und gleich Weltklasse.

Kill your friends“ von John Niven. Roman übers Musikbusiness, bei dem ich schallend lachen musste.





 Vielen Dank, lieber Gerd in den tiefen Einblick ins Verlagswesen und Deinem Verlag. Es war überaus interessant. Ich hoffe, das noch viele weitere spannende Stöffche von hier kommen. Und unter uns gesagt, ich mag gerade die kleinen Verlage, die, die sich auch noch Zeit für Autoren, Leser und Blogger nehmen!!
Bild vom mainbook Verlag





1 Kommentar:

  1. Hallo Anja, ich habe leider den Facebookbeitrag von Gerd Fischer erst viel später gesehen. Heute habe ich endlich die Zeit genommen und das gesamte Interview gelesen. Sehr schön und interessant! Jetzt freu ich mich auf morgen und den Freitagsfüller. Liebe Grüße
    Anke

    AntwortenLöschen